
„Manchmal muss einfach jemand da sein“
Hanna Clausen und Heiko Barfs sind die Gesichter der Schulsozialarbeit an der Schule in Bredstedt. Was sie tun, geht weit über Gespräche hinaus
Ob Streit unter Schülern, Sorgen zu Hause oder einfach der Wunsch, sich jemandem anzuvertrauen – Schulsozialarbeit ist heute wichtiger denn je. An der Schule in Bredstedt kümmern sich Hanna Clausen und Heiko Barfs darum, dass kein Kind durchs Raster fällt. In enger Zusammenarbeit mit Lehrkräften, der Projektklasse und externen Fachstellen begleiten sie Schülerinnen und Schüler und deren Eltern durch schwierige Zeiten. Ein Gespräch über Vertrauen, Verantwortung und Teamarbeit auf Augenhöhe.
Frau Clausen, Herr Barfs, seit wann sind Sie an der Schule in Bredstedt tätig – und wie sind Sie zur Schulsozialarbeit gekommen?
Clausen: Ich bin seit November 2023 hier an der Schule. Zuvor habe ich beim Kreis Nordfriesland gearbeitet – unter anderem in der Eingliederungshilfe für Erwachsene und im Bereich der Vormundschaften. Ich habe Soziale Arbeit studiert.
Barfs: Ich bin seit Dezember 2021 dabei, also mitten in der Pandemie eingestiegen. Ursprünglich komme ich aus Ostfriesland, war viele Jahre in der ambulanten Jugendhilfe tätig, unter anderem Familienhilfe und Einzelbetreuung. Nach Nordfriesland hat es mich aus privaten Gründen verschlagen – und heute bin ich froh über diesen Schritt.
Ist Schulsozialarbeit inzwischen ein fester Bestandteil an Schulen?
Clausen: Im Kreis Nordfriesland sind fast alle Schulen mit Schulsozialarbeitern ausgestattet. Viele von uns sind beim Diakonischen Werk Husum angestellt. Wir sind in Teams organisiert – wir gehören zum Sozialraum Mitte, also mittleres Nordfriesland.
Barfs: Die Anfänge der Schulsozialarbeit in Schleswig-Holstein reichen in die 1980er zurück. Heute ist Schulsozialarbeit an Schulen kaum noch wegzudenken.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag für Sie aus – oder gibt es den gar nicht?
Barfs: Einen festen Tagesablauf gibt es selten. Im Kern geht es uns darum, Ansprechpartner zu sein – für alles, was sie beschäftigt. Unser Hauptschwerpunkt ist die Einzelberatung. Daneben begleiten wir Eltern, führen Sozialtrainings durch und arbeiten mit Lehrkräften zusammen.
Clausen: Wir gestalten unseren Tag selbstständig. Termine legen wir individuell – je nach Stundenplan und unseren Aufgaben. Morgens kann ein Sozialtraining mit einer Klasse anstehen, danach folgen Einzeltermine oder Gespräche mit Eltern.
Können Sie ein Beispiel für ein Sozialtraining nennen?
Barfs: Heute Morgen hatten wir ein Teamspiel mit der 7d, die momentan eine eher ruppige Umgangskultur hat. Wir haben ein Spiel namens ‚Gefängnisausbruch‘ gemacht – draußen auf der Apfelwiese. Dabei ging es darum, im Team zu kooperieren, Aufgaben zu verteilen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. In der Reflexion danach wurden dann stillere Schüler positiv hervorgehoben – das war schön zu sehen.
Clausen: Wir ergänzen uns da gut – Heiko ist oft näher an den Jungs, ich eher bei den Mädchen. Dass wir als gemischtes Team arbeiten, ist ein großer Vorteil.
Wie eng ist die Zusammenarbeit mit Lehrkräften und die Verbindung zu anderen Schulangeboten?
Clausen: Sehr eng. Wir haben ein eigenes Büro, sind aber auch im Lehrerzimmer präsent oder per Mail erreichbar. Viel läuft über kurze Wege.
Barfs: Wir arbeiten z. B. mit dem ‚Boxenstopp‘ – einer kleinen Lerngruppe für Schülerinnen und Schüler mit hohem sozial-emotionalem Förderbedarf. Dort machen wir regelmäßig Sozialtrainings. Außerdem gibt es den ‚Anker‘ – einen Raum, in dem Kinder in akuten Belastungssituationen aufgefangen werden. Auch da ist die Abstimmung eng.

Und wie sieht es mit den sogenannten ‚harten Fällen‘ aus – etwa bei psychischen Belastungen oder familiären Krisen?
Clausen: Da unterscheiden wir zwischen planbaren Situationen, wie schwierigen Elterngesprächen, und akuten Krisen, wenn etwa ein Kind mit Selbstverletzungen oder massiven Sorgen vor der Tür steht. In solchen Momenten ist es wichtig, Ruhe reinzubringen und dann gut im Team zu arbeiten.
Barfs: Wir stimmen uns ständig ab – über Handy, Tür-zu-Tür-Kontakt oder über die Förderlehrerin, die uns in Notfällen unterstützt. Die Kommunikation klappt erstaunlich gut. Auch dank unserer Rektorin, die in Schulsozialarbeit einen festen Bestandteil der Schule sieht.
Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren verändert?
Barfs: Die Fälle sind intensiver und häufiger geworden. Was früher vielleicht eine Ausnahme war, ist heute Alltag. Wir merken ganz deutlich: Der Bedarf ist gestiegen – bei gleichzeitig gleichbleibenden Ressourcen. 60 Stunden für rund 850 Schüler – das passt nicht mehr.
Clausen: Es gibt heute mehr Kinder mit psychischen Problemen. Aber auch mehr Bereitschaft, sich Hilfe zu holen. Wir sind gut vernetzt mit Beratungsstellen und können weitervermitteln, wenn nötig.
Barfs: Auch die Eltern sind stärker belastet – arbeiten oft Vollzeit, sind müde, erschöpft, überfordert. Manchmal fehlen Erziehungskompetenzen, die früher selbstverständlich waren. Und vieles bleibt dann an der Schule hängen.
Wie gehen Sie mit dieser Belastung um?
Clausen: Wir haben regelmäßige Teamsitzungen und Supervisionen. Außerdem: Wir sind nie allein. Selbst in Krisensituationen sprechen wir uns im Team oder mit unserem Chef ab.
Barfs: Und manchmal hilft es auch, ganz praktisch zu arbeiten. Ich habe z. B. eine kleine Fahrradwerkstatt aufgebaut – da können Schüler mit mir schrauben, einfach ins Tun kommen. Das ist niedrigschwellig und funktioniert besonders gut mit Jungs.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft – von Schule, Politik oder Gesellschaft?
Clausen: Mehr personelle und zeitliche Ressourcen – ganz klar. Und dass unsere Arbeit weiterhin als das gesehen wird, was sie ist: systemrelevant.
Barfs: Keine weiteren Aufstockungen von Klassengrößen. Und bitte: nicht jedes gesellschaftliche Problem bei der Schule abladen. Wenn wir alles auffangen sollen, dann brauchen wir auch die Mittel dafür.
Wie wichtig ist das Klima an der Schule für Ihre Arbeit?
Clausen: Enorm. Ich habe mal bei einem Gymnasium hospitiert, da durften während des Unterrichts keine Einzelberatungen stattfinden. Hier ist das anders. Wenn wir mit einem Kind arbeiten, gibt es Verständnis – auch von den Lehrkräften.
Barfs: Wir arbeiten auf Augenhöhe mit den Lehrkräften – und das ist Gold wert.
Und wie erleben Sie die Schülerinnen und Schüler?
Clausen: Sehr unterschiedlich. Manche kommen von sich aus, wissen, dass sie hier Unterstützung bekommen. Andere brauchen Zeit – um Vertrauen aufzubauen. Dafür muss man da sein.
Barfs: Besonders bei den Fünftklässlern achten wir auf einen guten Übergang. Wir besuchen die Grundschulen vorab, stellen uns vor. So senken wir die Hemmschwelle. Und es ist schön zu sehen, wie bei aufgeregten Neuen aus unbekannten bald vertraute Gesichter werden.
Abschließend: Was macht die Schule in Bredstedt für Sie besonders?
Barfs: Die Rahmenbedingungen. Wir haben hier Platz, eigene Büros, offene Lehrkräfte und engagierte Kolleginnen und Kollegen.
Clausen: Es ist einfach ein gutes Klima – im Kollegium, mit der Schulleitung, im Umgang mit den Kindern. Wir fühlen uns richtig wohl.
TEXT Anja Nacken / Markus Till
FOTOS Reinhard Witt
So geht Berufsorientierung
Eine korrekte und aussagekräftige Bewerbung ist der erste Schritt auf dem Weg in die Ausbildung. In unserem Servicebereich steht außerdem, wie man die nachfolgenden Herausforderungen in Vorstellungsgespräch, Assessmentcenter und dem Start ins Arbeitsleben erfolgreich meistert.



